Wer rüttelt da am Watschenbaum?

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A shout a day

Wir versuchen unsere Kinder so liberal und respektvoll wie möglich zu erziehen, das sie in keiner Form körperlich gezüchtigt werden, versteht sich von selbst und auch geistige Misshandlung ist natürlich ein no-go in unserer Erziehung! Aber um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Manchmal rütteln sie schon gewaltig am Watschenbaum!“

Mythos Antiautoritäre Erziehung
Ich nenne euch mal ein Beispiel:
Im Kindergarten ist ein Hörtest angesetzt, wir müssen pünktlich sein, aber genau heute kommen die Kinder gar nicht in die Gänge. Während ich Lili* für den Kindergarten fertig mache – und mit ihr diskutiere ob Wollstrumpfhosen an einem Sommerstag zu offenen Sandalen akzeptabel sind oder nicht – kommt mir Didi*, unsere Kleine, klitschnass entgegen. Ihre Aufgabe lautete Nutella Spuren von ihrer Wange zu wischen; der Fleck ist noch da, das Kleid dafür fasertief sauber – also nochmal alles auf Anfang und erneut umziehen.

In der Zwischenzeit hat Lili entdeckt das sie mit ihrer Socke auf einen Kaugummi getreten ist, wo dieser her kam und warum er am Boden lag entzieht sich meiner Weisheit, ist mir im Moment auch egal, denn ich habe andere Sorgen. Didi bevorzugt nämlich derweil den Nudisten Look und düst nackig davon.
„Schau einfach das du ihn irgendwie runter bekommst“, rufe ich Lili zu, ehe ich hinter dem kleinen Flitzer her jage, um sie irgendwie von Kleidung zu überzeugen.

Kurze Zeit später biegt Lili freudestrahlend um die Ecke; ja sie hat den Kaugummi entfernt, indem sie ein Loch in den Socken geschnitten hat.
Ja ich weiß, meine Aufgabenstellung – den Fleck irgendwie zu entfernen – ließ Interpretationen zu, aber echt jetzt?


(mood)
Das nächste Drama folgt sogleich, denn das war unser einziges Paar Kniestrümpfe und die sind bekanntlich die Alternative zur Wollstrumpfhose und den Sandalen.
Kurzer Exkurs der Irrwege kindlicher Logik:
Um ihr Geheule und ihren Unmut zu rechtfertigen, beschuldigt Lili einfach mal mich am Defekt des Strumpfs, denn immerhin hätte ich als Erwachsene sie von dieser Dummheit abhalten sollen.

Zurück zu Didi, die weigert sich derweil immer noch standhaft Kleidung anzuziehen und pinkelt demonstrativ auf den Boden, denn ohne Windel ist das ja doppelt einladend.
Pipi am Parkett kostet mich mittlerweile nur noch ein müdes Lächeln; nach dem Sauberwerden der Großen leben wir ohnehin in einem trockengelegten Urinal mit griffbereitem Desinfektionsspray in jeder Ecke.
Weniger entspannt bin ich allerdings weil dieser Zwerg immer nackig ist. Nach erfolglosen Minuten „guten Zuredens“ muss sie sich trotzdem ankleiden, ob sie will oder nicht – und natürlich will sie nicht, weshalb wir prompt einen Trotzanfall erleben.

In meinem Kopf kreisen die Ratschläge all der tollen, super- sinnlosen Erziehungsratgeber die ich gelesen habe, während mein Blutdruck ins Unerlässliche schnellt und mir kalter Schweiß auf der Stirn tritt. Krieg ich grade einen Herzinfarkt? Ist das eine Panikattacke?
Nein, es ist lediglich die normale Reaktion einer Mutter auf kindlichen Terror.

Da fällt mir die Frage meiner Hausärztin ein, die mich im Zuge einer Gesundheitsuntersuchung fragte, ob ich etwa gestresst sei. Nun ja, ich glaube nur noch ein Seiltänzer ohne doppeltem Boden über dem Grand Canyon hat mehr Stresshormone im Blut, aber diese Erkenntnis hilft mir jetzt auch nicht weiter!

Irgendwie ist mir nach heulen, stattdessen sage ich betont ruhig: „Letzte Wahrung – wir fahren. JETZT!“ Es kann es sich also nur noch um Stunden handeln, bis wir tatsächlich fertig sind, denn Didi will die Schuhe selbst anziehen, das Problem ist nur, sie weiß noch nicht so recht weiß wie.
Helfen geht gar nicht, wenn ich versuche zu assistieren, dann schreit sie „alleineeee“ zieht aus Protest beide wieder aus, ehe das Spiel von vorne beginnt.

Die Zeit tickt, wir sind heillos zu spät und meine Nerven sind am Ende, denn dieses Spiel betreiben wir JEDEN.VERDAMMTEN.TAG!

„Jetzt reicht’s mir aber“, platzt es nun aus mir heraus und ich schimpfe los.
„Wenn du nicht sofort spurst, dann bleibst du da! …“ (das Gemecker ging übrigens noch eine ganze Weile weiter, ich habe mir aber in der Hitze des Gefechts meinen Wortlaut nicht gemerkt)

Ja, ich bin gerade unglaublich stolz auf mich! (Sarkasmus Ende)
Es ist 08:00 und ich habe meinen Vorsatz – nämlich cool zu bleiben – bereits gebrochen, schon wieder! Ich dachte immer ich werde mal eine gechillte Mutter die dieses Erziehungsding lässig schaukelt, aber meine Kinder sind mit dem Laissez-faire Modell nicht kompatibel.

Aber manchmal, wenn ich in den Genuss komme andere Eltern-Kind Dramen zu beobachten und Halbstarke sehe die hysterisch brüllen und um sich schlagen, während der/die Erziehungsberechtigte mit derselben ruhigen Sing Sang Stimme weiterredet, obwohl es nur so Watschen hagelt, fühle ich das dringende Verlangen selbst auf die Pauke zu hauen und diesen Rotzlöffel zur Vernunft zu bringen.

Witzig ist dann aber die Reaktion meiner Kinder, die völlig fassungslos zusehen und sich wundern warum „der da“ sich so daneben benehmen darf. „Ich würde das nieeee tun“, säuselt Lili dann empört. „Gut so“, lautet meine Antwort. „Denn ich würde das auch niemals zulassen!“

Das bestätigt mich aber, dass meine Kids uns ich ohnehin einig sind, nämlich das es Grenzen geben muss und selbst a Shout a day manchmal durchwegs okay ist.

Wie findet ihr eine Erziehung ohne Geschimpfe? Erstrebenswert, überbewertet oder utopisch? Ich bin gespannt auf eure Meinung!

Alles Liebe

Ela

 

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