Rabenmütter und Wutanfälle

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Als ich Lili* um 8:00 im Kindergarten ablieferte, bemerkte ich wohlwollend das unsere Kleinste Didi* erstaunlich brav war – zu brav eigentlich und an dieser Stelle hätte ich als erfahrene Mama den Braten bereits riechen sollen.
Aber dank meiner Freitags- Euphorie – einer Sinnesumnachtung – die der kleine Bruder des Wochenendes immer in mir auslöst, schritt ich naiv und unbedarft wie das sprichwörtliche Lamm der Opferung entgegen. Aber wie hätte ich auch wissen können, dass dieser Tag als brauner Freitag in die Annalen der Gesichte eingehen würde und beschissener nicht hätte sein können, doch alles der Reihe nach.

Zurück zu Didi, die im Kindergarten ohne Drama an all den Spielsachen vorbei marschierte, das Bällebad keines Blickes würdigte, weder versuchte fremde Zeichnungen vollzuschmieren, Stofftiere zu stehlen, oder anderer Kinder Schuhe anzuprobieren, noch das Gebäude mit hysterischem Geplärr erfüllte, weil sie lieber bleiben und Spielsand am Boden verteilen wollte, anstatt mit Mama nach Hause zu fahren.

Rückwirkend betrachtet war das mehr als verdächtig, denn ich bin überzeugt davon, dass meine Kinder nur ein gewisses Kontingent an täglichem Wahnsinn zur Verfügung haben; meistens sind sie gnädig mit mir und präsentieren mir diese Nervigkeiten häppchenweise, kleine Intermezzos des Alltags, doch es gibt auch andere Tage, die dunklen Tage, wo sie ihren gesamten Vorrat für eine große Sache aufsparen.

Diese Vermutung erhärtete sich als wir, zuhause angekommen, den Vormittag friedlich und in harmonischer Eintracht verbrachten; wir hatten verstecken gespielt, gemalt, Sandkuchen gebacken und in ihrer Spielküche gekocht ohne das mein zweijähriger Tunichtgut sich trotzig/heulend auf den Teppich warf und das rotzige Näschen an irgendeinen Polster abwischte. Nun dämmerte sogar mir, hinter meiner rosaroten Freitagsbrille, dass da etwas im Busch war und das dicke Ende ließ nicht lange auf sich warten! Nämlich als wir uns kurze Zeit später aufmachten um Lili vom Kindergarten abzuholen.

Didi entschied dass nun der perfekte (weil unpassendste) Moment gekommen war um müde/grantig zu werden. Nach einigen Unstimmigkeiten über die Bedeutung eines linken und eines rechten Schuhs, der Sinnhaftigkeit von Haarbändern  und der Differenzierung von Sommer- und Winterbekleidung kamen wir endlich bei Lilis Kinderbetreuungsstätte an, viel zu spät wohlgemerkt und in einem recht fragwürdigen Outfit.

Didis Stimmung hatte mittlerweile den Nullpunkt erreicht und nur ein Powernap hätte uns beide von ihrer Laune erlösen können, aber schlafen wollte Madame sowieso nicht und sie danach zu fragen glich einer Majestätsbeleidigung.
„Bitte Didi steig aus dem Auto, Lili wartet“, höre ich mich selbst flehen, während sich die Kleine an ihrem Sitz festkrallt und sich weigert zu kooperieren. Sie wollte lieber im Wagen sitzen bleiben und die Titelmelodie von „König der Löwen“ zum 135. Male hören, dass das schwarze Auto in der prallen Sonne stand und wir knapp 30° hatten war ihr dabei ziemlich schnuppe.

Vernunft (meine) siegte jedoch über kindlichen Irrsinn (ihren) und sie musste trotzdem mit, ob sie wollte oder nicht!
Doch anstatt zu gehen ließ Didi sich alle drei Schritte missmutig in die Hocke sinken und bockte.
„Soll ich dich tragen?“, wurde mit einem mürrischen Schnauben quittiert, ebenso wie die Frage ob sie vielleicht ein Stofftier mitnehmen wolle. „Wer schneller bei der Türe ist…“ und „Schau mal, da sitzt ein Vogel…“ Taktiken funktionierten ebenso wenig wie betteln.
Wenn ich nach ihrer Hand fasste, stieß sie mich weg und ließ sich provokativ auf die Knie fallen, nur um dann mit großem Trara zu beklagen, dass sie aufgeschürft waren.

Die Zeit tickte derweil unablässig, jeden Moment würde Lilis Gruppe geschlossen werden, die Mittagskinder gingen zum Essen und die anderen mussten in eine Sammelgruppe mit neuen Betreuerinnen und anderen Spielgefährten. Eine unnötige Komplikation die sich vermeiden ließe, wenn dieser kleine Zwerg hier nicht so unendlich stur wäre.

„Los jetzt Didi“, brummte ich, ebenfalls um Fassung ringend und hob sie gegen ihren Willen hoch.
Nun brachen alle Dämme und es gab kein Halten mehr, ob dieser unsäglichen Missachtung ihrer Rechte. Mit unfairen Mitteln spielend setzte sie zwischenzeitlich noch ein stinkendes Zornfax ab und erfüllte die Gänge des Kindergartens mit strengem Geruch.

Ich sah natürlich die geblähten Nüstern der entgegenkommenden Mütter und auch wenn niemand ein Wort sagte, so war ich doch überzeugt dass allen dieselben zwei Fragen auf der Stirn standen, nämlich: „Was gebt ihr dem Kind nur zu essen?“ „Wie kann man mit einem solchen Müffelkind das Haus verlassen?“

Tja, unser Zuhause war lediglich 2km Luftlinie entfernt, natürlich hatte ich keine Wickelsachen dabei und so mussten wir diesen Mief gemeinsam ausstehen. Didi ihrerseits brüllte immer noch markerschütternd und wand sich wie ein Gummikind ohne Knochen, damit es möglichst unmöglich wurde sie festzuhalten. „Bitte, dann geh selber“, forderte ich, aber das wollte sie auch nicht, sie wollte lieber am Boden liegen und ihren Trotzanfall zelebrieren.

Gepisst – dieses Adjektiv beschrieb ziemlich genau Lilis Grundstimmung bezüglich unserer Unpünktlichkeit, als wir endlich bei ihr auftauchen, denn dank unserer Scharmützel musste sie in die Nachmittagsgruppe, während all ihre Freunde bereits abgeholt wurden und dieser Unzufriedenheit machte sie nun lautstark Luft!
In einem scheinbar unbeobachteten Moment verpasste sie ihrer kleinen Schwester eine Kopfnuss, während diese vor Zorn blau anlief, noch mehr brüllte und zum Gegenangriff überging.
Nun war Lili mit plärren an der Reihe, denn Didi hatte sie an den Haaren gepackt und zerrte kräftig daran. „War das jetzt notwendig?“, fauchte ich und versuchte meinen Körper als Bollwerk zwischen die beiden Streithähne zu werfen und so ihre Handgreiflichkeiten zu unterbinden.

Ich wünschte mir nur noch dieser vermaledeiten Situation zu entgehen entgehen, weshalb ich beide schnappte (13kg und 17kg Reingewicht, je unter einen Arm geklemmt) und versuchte Meter zu machen.
Lili beschloss derweil, dass JETZT der richtige Moment war,  ihr Pausenbrot aufzuessen und verteilte bei dem Versuch, es aus dem Rucksack zu fischen, Millionen kleiner Papierschnitzel am Boden. Die mussten natürlich allesamt einzeln und fein säuberlich wieder aufgesammelt werden, während ich mit Didi Heulboje unter dem Arm nervös von einem Bein auf das andere trat.

Die kämpfte ihrerseits um ihre Freiheit und pfefferte mir ihre Schuhe entgegen wie einen Fehdehandschuh, während der breiige Inhalt der Windel langsam nach außen quoll und uns beide gleichermaßen besudelte.

Nun war es endgültig vorbei mit meiner Selbstbeherrschung und ich fauchte: „Meine Nerven! Das darf doch nicht wahr sein, wollt ihr mich alle ins Grab bringen? Wenn jetzt nicht augenblicklich Schluss ist, dann lass ich euch da, alle beide!“ Selbstverständlich stand in diesem Moment eine Gruppe anderer Mütter hinter mir, die mich allesamt vorwurfsvoll anstarrten; klar, denn aus dem Kontext gerissen klang das natürlich noch viel furchtbarer und „rabenmuttriger“ als es ohnehin schon war.

Was für ein Tag, doch es erwartete mich noch eine Kirsche für mein Sahnehäubchen, denn Didi hatte es geschafft auf unserer 120 Sekunden Heimfahrt im Auto tief und fest einzuschlafen.
Das wäre an sich recht begrüßenswert, doch wie zuvor erwähnt galt es noch das Stinkfax zu entfernen mit dem sie uns beide kontaminiert hatte.

Ohne mich zu sehr in unschöne Details verirren zu wollen, sei folgendes gesagt: Es war unmöglich das besudelte Kleid über den Kopf des schlafenden Kindes zu ziehen, also griff ich zu drastischen Mitteln und schnitt das Textil von ihrem Körper. So konnte ich sie wickeln und säubern ohne ihren Schlaf zu stören. Als alles vollbracht war und ich mich in Gedanken zu meiner Meisterleistung beglückwünschte und mich auf meinen wohlverdienten Cafe Latte freute, wachte Didi jedoch auf, entdeckte ihr heißgeliebtes, zerstörtes Elsa Kleid. Wie die Geschichte dann weiterging, das überlasse ich eurer Fantasie….

*Namen geändert

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